23.10.2008
Pro Evolution Soccer 2009
KCET über Konami, erschienen am 16.10.2008
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So lange und intensiv wie das diesjährige PES habe ich bisher keinen Teil der Serie herbeigesehnt. Nachdem Konami mit der letzten Version eine eher blamable Vorstellung abgeliefert hat, waren die Erwartungen hoch. Zwar wurde im Laufe des Jahres das Gerücht widerrufen, dass man für 2009 an einer kompletten Rundum-Erneuerung arbeiten würde, aber das konnte die Vorfreude dann auch nicht mehr bremsen. Die ersten Screenshots waren sehr lecker, aber davon lässt man sich ja heutzutage am Besten nicht mehr allzu sehr beeindrucken. Ich spiele schon seit der 5er-Version intensiv PES, habe den ganzen Hahnenkampf mit FIFA aber erst während der Version 6 so richtig zur Kenntnis genommen. Nun, ich möchte nicht großartig darauf eingehen – ich mag PES und finde FIFA grausam, auch die Demo von FIFA 09 habe ich mehrere Tage lang intensiv ausprobiert, bin aber einfach nicht damit warm geworden. Es möge ein jeder das Spielen, was für ihn am Angenehmsten ist und ich würde mir nie anmaßen wollen, jemandem “zu erklären”, warum FIFA ihm gar nicht gefallen kann. Ich lasse mir auch nicht erklären, warum mir PES nicht gefallen sollte.
Also, rekapitulieren wir mal was 2008 falsch gelaufen ist: Der Online-Modus war absolut unspielbar. Die Grafik war der Leistung der neuen Konsolen nicht angemessen. Das Gameplay wurde für mein Empfinden in vielerlei Hinsicht im Vergleich zum Vorgänger “verschlimmbessert”, dem meiner Meinung nach bislang besten Teil. Vor dem ersten Patch gab es sogar geradezu peinliche Ruckler und Aussetzer in der Grafik. Nun sahen nicht alle PES 6 als besten Teil an, aber es erfreute sich sehr großer Beliebtheit. Die Enttäuschung die mit dem ersten PES für beide Next-Gen-Konsolen kam war also groß. Mit 2009 sollte alles besser werden – hält das Team um Seabass diesmal, was es verspricht?
Grafik
Na also, geht doch! Das sieht schon eher nach Next-Gen aus, wenn auch noch immer nicht perfekt. Auf dem FullHD-Fernseher ist teilweise sehr starkes Aliasing zu bemerken, z.B. an der Eckfahne bei einem Eckstoß. Dafür läuft alles sehr flüssig und die Ladezeiten sind auch erträglich. Die Animationen sehen im Wesentlichen gut aus, wenn man sich aber während eines Replays mal nur auf die Füße und den Boden konzentriert, dann sieht das “Laufen” schon sehr seltsam und mehr nach “Gleiten” aus – im Spiel selbst fällt das aber nicht auf. Die Gesichter sind teilweise außergewöhnlich real, gucken aber trotzdem in Bewegung nie wirklich lebendig aus. Während des Spiels wirkt die Grafik nicht besonders viel besser als in PES 2008, ein bisschen weicher, ein bisschen glatter. Aber es ist alles flüssig – wobei es schon ein wenig ärgerlich bleibt, dass das als positives Merkmal herhalten muss/kann, weil es 2008 nicht der Fall war. Diesmal bekommt man das, was schon letztes Jahr hätte geliefert werden müssen. Mehr nicht – nach oben ist immer noch viel Raum. Dennoch: Besonders in den Replays ist Grafik hervorragend.
Sound
Auch in diesem Bereich war 2008 trotz der Schützenhilfe durch die “Kaiser Chiefs” insgesamt der absolute Tiefpunkt, das meiste hörte sich an als wäre es für einen Pornofilm produzierte Hintergrundmusik, die aber dann selbst dort durch die Qualitätsprüfung gefallen war und stattdessen bei PES gelandet ist. Es gibt zwar wirklich Wichtigeres, trotzdem freute mich, von der diesjährigen Untermalung sehr positiv überrascht worden zu sein. Da sind richtig gute Lieder dabei – sehr schade, dass Konami es wie beinahe sämtliche Spieleentwickler einfach nicht auf die Reihe bekommen, die Menümusik nicht in jedem Untermenü zu unterbrechen, zu wechseln oder neu anfangen zu lassen. Um eines der Lieder länger als 15 Sekunden zu hören, muss man entweder sehr langsam beim Bedienen der Menüs sein oder bewusst Nichts tun. Sehr extrem ausgefallen ist das Geräusch bei einem Schuss an die Pfosten oder die Latte, die restliche Soundkulisse unterscheidet sich nicht wesentlich von den Vorgängern. Die Kommentatoren sind wie immer bescheiden und absolut überflüssig, aber ich persönlich spiele eigentlich ohnehin meistens komplett ohne Ton und lass mich lieber von iTunes bedudeln.
Gameplay
Das Kernstück, das Wichtigste – ja, ich habe mich sofort wieder zu Hause gefühlt. Das heißgeliebte PES-Feeling, es ist wieder da und es fühlt sich besser an als bei PES 2008, viel besser. Es kommt nicht an PES 6 heran, aber schon relativ nah. Woran das genau liegt, ist schwer in Worte zu fassen, sonst könnte ich ja auch rational begründen, warum mir das Gameplay von FIFA nicht zusagt. Die Steuerung wurde (sehr!) leicht modifiziert, was teilweise ein bisschen Umgewöhnung braucht, aber sehr schnell kommt man hervorragend ins Spiel und zaubert Kombinationen, nach denen man sich am liebsten gleich selbst einen Pokal verleihen würde – oder in den Controller beißt, weil der Abschluss nicht geklappt hat. ![]()
Neu hinzugekommen ist zu den bekannten Modi Liga/Pokal/Meisterliga und der abgesehen von der grandiosen Präsentation eher unspektakulären Champions League der “Be a Legend”-Modus. Eine sehr interessante Neuerung, die mich gleich stark in den Bann gezogen hat – so habe ich in dem Modus schon bald meine zweite Saison hinter mir, wohingegen die Meisterliga noch in der ersten Saison dümpelt. In diesem Modus kreiert man zunächst einen Spieler, meistens wohl ein Alter Ego, wobei man nahezu endlose Möglichkeiten für Details hat und sucht sich nach ein paar Testspielen eines der Angebote heraus. Fortan spielt man für dieses Team – und zwar nur den eigenen Spieler, zunächst in Trainingsspielen, irgendwann schafft man es auf die Ersatzbank und nach einer Weile läuft man sogar in der Startelf auf, je nach Erfolg natürlich. Man kann die Spiele entweder überspringen und dabei weniger Erfahrungspunkte bekommen oder sie anschauen/bestreiten. Solange man nicht auf dem Feld steht, kann man sie mit zweifacher Geschwindigkeit ablaufen lassen, damit es nicht gar so langweilig ist. Es spielt sich doch sehr unterschiedlich, wenn man auf die Finesse der KI-Mitstreiter angewiesen ist, was aber meistens erstaunlich gut klappt. Bisweilen ärgert man sich zwar, wenn eine tolle Passmöglichkeit nicht genutzt wird oder die eigene Abwehr wieder minutenlang hinten hin- und herkickt, aber meistens ist das Zusammenspiel überzeugend.
Online
Vorneweg: Ich spiele PES selten online – auch als ich es noch am Rechner laufen hab lassen. Mir ist der Online-Modus auch nicht besonders wichtig, da PES im Multiplayer für mich nur offline wirklich Spaß macht, wenn man auf derselben Couch sitzt. Trotzdem wollte ich natürlich mal Testen, wie es dieses Jahr so läuft – und schon die Einstiegshürden schreckten mich ab. Was soll das denn, ich muss mir bei Konami eine “KONAMI ID” holen? Mit E-Mail und Passwort.. und mit dieser ID kann ich mir dann eine “GAME ID” samt Passwort für PES anlegen? Das ist ein absolut bescheuertes System, wofür gibt es denn PSN (und XBox Live), wenn ich mir jetzt für jedes Spiel eigene Zugangsdaten anlegen muss? Nun gut, wenn Konami das Online-Spiel selbst in die Hand nimmt, kann man vielleicht plattformübergreifend gegeneinander spielen? Pustekuchen – der einzige Vorteil, den das System habe könnte, wird nicht genutzt. Nun gut, aber auch dieses Prozedere überlebt man, und dann kann’s auch schon losgehen. Nachdem man x Info-Messages von Konami empfangen hat, von denen zumeist die neueste sämtliche älteren obsolet macht (“Alle Online-Services laufen jetzt perfekt” – schön, dann will ich aber doch die drei Messages mit Informationen zu den Wartungsarbeiten der Tage davor nicht mehr lesen, oder?)
Das Spiel-Erlebnis bei meinen ersten beiden Online-Spielen war ernüchternd – starke Lags, kein Gegenspieler hatte jemals eine grüne Ampel, gelb war das Beste aber meist blinkte die Verbindungsqualitätsanzeige rot. Entsprechend war es fast unmöglich, ordentlich zu verteidigen oder kontrollierte Aktionen durchzuführen. Nun gut, diese Spiele hab ich direkt am Release-Tag bestritten, da war ich zuversichtlich, dass das noch behoben würde. Und ich habe vorhin gerade noch einen Versuch gewagt und es ging nahezu perfekt über die Bühne. In zwei oder drei Situationen, bemerkte man den Unterschied zu Offline deutlich, ansonsten keinerlei Beschwerden. Weder das aus 2008 bekannte Warping noch die Probleme in der Verteidigung aus den ersten Spielen. Das lässt noch keinen Schluss zu, aber ich bin zuversichtlich dass es online bei PES 2009 langfristig gut laufen wird.
Sonstiges
Die Menüs wurden stark umgestaltet und sind zwar besser und lesbarer als noch letztes Jahr, aber auch in der Hinsicht war man für meinen Geschmack bei PES 6 schon näher am Optimum. Eine sehr, sehr positive Neuerung ist die Möglichkeit, Replays auch im Nachhinein zu speichern – alles, was in der Halbzeit oder nach Spielende bei den Highlights läuft, kann von dort aus noch ins Archiv gesteckt werden. Nach wie vor ist der Zeitraum, den man bei Replays zurückspulen kann, ein absoluter Witz (~25 Sekunden) und wird überdies durch Standardsituationen unterbrochen. Ein spektakulärer Schuss, der daneben geht und somit von einem Abstoß gefolgt wird, kann nur sehr kurze Zeit danach nochmal angeschaut werden. Wartet man bei dem Abstoß zu lang, hat man ein zwei Sekunden langes Replay vom Keeper, der vor dem Ball steht und sonst gar Nichts. Das hätte schon letztes Jahr und noch früher verbessert werden müssen. Wo ist das Problem, ein permanentes, durch Nichts unterbrochenes 5-Minuten-Replay im Speicher zu halten? Wofür haben wir denn nun Next-Gen-Konsolen? Für mich unbegreiflich.
Sehr schade finde ich auch den Wegfall des sehr ausführlichen Trainingsmoduls aus PES 6, das war eine innovative und spaßige Angelegenheit. Natürlich fehlt auch weiterhin ein Hallenmodus oder die Möglichkeit, Replay-Videos in irgendeiner Art und Weise aus dem Spiel heraus in ein gebräuchliches Format zu bekommen. Ebenso ist mir ein Rätsel, warum es seit ISS64 kein einziges Fußballspiel mehr geschafft hat, einen ordentlichen Elfmeter-Modus umzusetzen.
Ein Wort vielleicht noch unter diesem Punkt zu den Lizenzen: Ich pfeif drauf! Ich bin kein Fußball-Fanatiker wie offenbar die meisten Spieler, ich hab daher zum Glück niemals das Dilemma in der Hinsicht auf FIFA neidisch sein zu müssen. Ich würde ich mit “Spieler 1″ bis “Spieler 11″ aus “Fantasien” spielen, solang das Gameplay stimmt. Konami ist mittlerweile ohnehin sehr dahinter, bei allen Gelegenheiten dafür zu sorgen, dass sich dieses Problem bald nicht mehr stellt, aber dafür dass EA für astronomische Unsummen seit Jahrzenten sämtliche Verbände dieser Welt gekauft hat, kann Konami ja wenig.
Fazit
Was übrig bleibt, ist der schale Nachgeschmack von PES 2008. Schon letztes Jahr hätte man in jeder Hinsicht auf dem Stand der jetzigen Edition sein müssen. PES 2009 macht Spaß, lässt einen aber nach wie vor nicht verstehen, warum es so schwer zu sein scheint, einfach PES 6 zu nehmen, die Grafik aufzupolieren und Schwächen wie beim Replay-Modus, die es seit Jahren gibt, auszumerzen. Nachdem der Versuch von 2008 gründlich in die Hose gegangen war, legt 2009 einen guten Grundstein für ein Next-Gen-PES, das qualitativ auch wieder an PES 6 heranreicht. Und bis dahin macht es vor allem durch den neuen Modus jede Menge Spaß. ![]()
Wenn ich so drüber nachdenke, erinnert mich das Ganze ein bisschen an das iPhone – trotz einer jeweils langen Liste an Mängeln (Replays, Elfmeter, Lizenzen, Grafik geht noch besser; kein Copy&Paste, kein AdHoc-WLan, Akkulaufzeit, Instabilität) ist PES für mich das beste und spaßigste Fußballspiel und ich möchte es ebenso wenig missen wie das für mich unerreicht beste Handy. Vermutlich ist beides nur deshalb noch nicht perfekt, weil ich dann in den nächsten Jahren ja gar nichts mehr kaufen müsste.


Danke für den feinen Bericht.
Können ja mal ne Runde lokal gegeneinander spielen. Dann hast du / wir hierfür ebenso Erfahrungswerte.
Mit Vergnügen, hab gestern zwar schon meine Freundin genötigt, aber das kann man nicht unbedingt als realistischen Vergleichswert heranziehen.