Free Rainer

Hans Weingartner – Deutschland, 2007

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“Eine aberwitzige Satire auf die deutsche TV-Landschaft, die kein Blatt vor dem Mund nimmt, dabei noch rotzfrech ist und nie seine eigene Aussage vergisst. Definitiv einer der besten, wenn nicht sogar der beste, deutsche Film der vergangenen Jahre.” heißt es andernorts. 1 Ich muss zugeben, dass ich eine ziemliche Abneigung gegenüber deutschen Filmproduktionen habe. Woran das genau liegt, weiß ich nicht – es ist einfach da. Die meisten deutschen Produktionen sind nunmal ganz großer Mist – merkt man im Grunde schon allein daran, dass sie zu 90% direkt fürs TV gemacht werden. Sicherlich ist der Anteil an Schrott in/aus den USA genau so groß und man bekommt es nur nicht so mit, aber so ein eingefahrenes Vorurteil kann man schwerlich ändern. Ein paar Ausnahmen gibt es ja auch, meistens stechen die dann sogar ganz besonders hervor, etwa “Verschwende deine Jugend”. Zum gefeierten “Wer früher stirbt, ist länger tot” konnte ich mich aufgrunddessen immer noch nicht durchringen und auch gegenüber “Free Rainer” war ich vom ersten Kontakt, ein Review aus einem beim Friseur ausliegenden TV-Programm, an eher in einer Abwehrhaltung.

Ich meine, wenn in einer Fernsehzeitung ein Film gelobt wird, der sich als Thema die Kritik am Fernseh- und Quotenwahnsinn dieser Nation ausgesucht hat, dann stimmt doch schonmal irgendwas nicht, oder? Darum dauerte es dann auch bis Ende letzten Jahres, dass ich mir “Free Rainer” zu Gemüte führte. Dem Zitat zu Beginn des Artikels kann ich mich in keinem Punkt anschliessen – der Film ist nicht aberwitzig und rotzfrech, nimmt sich durchaus ein Blatt vor den Mund und das größte Problem ist eben doch, dass er seine eigene Aussage vergisst beziehungsweise nicht fortwährend ernst nimmt. Ich frage mich, nach welchen Maßstäben der Autor dort gemessen hat, aber selbst “Wo ist Fred?” war um ein Vielfaches witziger und auch schlichtweg besser.
Ich sehe drei Hauptprobleme bei dem Film: 1) Er überzeichnet viel zu extrem. 2) Am Ende verkommt er zur zahnlosen Kitschromanze. 3. Er hinterfragt sich nicht selbst.

Worum geht es überhaupt? Der erfolgreiche TV-Produzent Rainer hat eine Nahtoderfahrug und merkt auf einmal, wie verkommen er, sein Leben und seine Machwerke sind. Er will alles anders/besser machen und setzt sich in Folge dessen intensiv mit der Quotenmessung auseinander. Daraufhin schmiedet er einen ausgeklügelten Plan, um das Quotensystem für seine Zwecke einzusetzen. Mit ein paar Gleichgesinnten und einigen HartzIV-Empfängern im Bunde will er die Republik und ihr Fernsehprogramm auf den Kopf stellen, indem er gezielt die Quote zu Gunsten von “hochwertigeren” Sendungen manipuliert.
Der Film beginnt mit der TV-Show “Hol dir das Superbaby”, in der zwei Kandidaten mit “optimalem Erbgut” vier Wochen Zeit haben, um vor selbstverständlich laufenden Kameras das perfekte Kind zu zeugen. Womit wir bei Punkt 1 wären – das ist zu überzeichnet und unrealistisch. DSDS und Konsorten sind bereits abartig und schlimm genug, hier muss nicht noch einer draufgesetzt werden, um etwas Kritisierenswertes zu schaffen. Durch die Überzeichnung zieht man die Kritik eher ins Lächerliche – war doch nur Spaß, Dieter. Guck mal wie lachhaft die Show ist, wir haben doch damit nicht DSDS gemeint, nicht böse sein. So wirkte das auf mich jedenfalls.
Achtung, Spoiler! Der Rekrutierung des Teams und deren Arbeit ist noch der interessanteste Teil, denn – Punkt 2 – zum Schluss gibt es ein klassisches Happy End. Der Held bekommt die Frau, nach kurzer Aussichtslosigkeit geht der Plan doch voll auf und man fährt frohen Mutes und mit Partymusik zum “nächsten Gegner”. Dieser Ausgang ist für meinen Geschmack viel zu utopisch, selbst einen von den Privaten beauftragten Mordan Rainer hätte ich da noch eher geschluckt. Realistischer wäre wohl die Verhaftung samt Schuldspruch mit deftiger Strafe im Gepäck gewesen, dann hätte man für einen pessimistischen Schluss noch Rainers alten Programmchef ein paar markige Worte nach der Urteilsverkündung sprechen lassen können. Einen solchen Schluss hätte ich für dieses Thema angemessener gefunden. Spoiler vorbei.
Last but not least ist der Film einfach nicht differenziert genug. So sehr ich das (deutsche) Privatfernsehen aus tiefstem Herzen verachte, so gefährlich ist der im Film gezeigte “Lösungsansaz”. Selbst die Simpsons-Folge “They Saved Lisa’s Brain” setzt sich intensiver mit der Problematik auseinander die entsteht, wenn eine kleine Gruppe sich zur geistigen Elite bestimmt. Für einen ganz winzig kleinen Augenblick lang wird außerdem angedeutet, dass auch innerhalb der Gruppe Spannungen bezüglich des Ziels entstehen könnten. Als nämlich gemeinsam das aktuelle Fernsehprogramm nach “fördernswerten” Sendungen durchforstet wird kommen nach manchen Nennungen leicht verwunderte Blicke, die eine Ablehnung (und zwar wirklich nur hauchzart) andeuten. Aber sofort kommt der Schnitt, der Konflikt entsteht erst gar nicht.

Von diesen Punkten abgesehen halte ich den Verlauf des Films grundsätzlich für fragwürdig. Ich glaube offen gestanden eher, dass auch bei sich langsam (im Film geht das alles viel zu schnell) ändernden Quoten kein großer Niveau-Aufschwung im Programm zu verzeichnen wäre. Im Gegenteil, irgendwann würden die Verantwortlichen wahrscheinlich selbst an der zuvor geheiligten Quote Kritik üben und ihr Ungenauigkeit und Unzuverlässigkeit nachsagen, um auf keinen Fall Änderung zulassen zu müssen.

Wenn man über all diese Schwächen mal hinwegsieht dann hat der Film noch ein paar, an beiden Händen leicht abzählbare, Lacher und, um auf den Anfang zurückzukommen, ist und bleibt eben ein typischer deutscher Film. Kann man irgendwann mal anschauen, wenn sonst nichts kommt und ein paar Infos über das Quotensystem daraus mitnehmen, welche offenbar sehr gut recherchiert wurden.
Leider geht der Film außer auf die geringe Menge an Testhaushalten auf einen gänzlich anderen Angriffspunkt des deutschen Quotensystems gar nicht ein: Es gibt die Theorie, dass “gebildetere” Menschen die Einladung der GfK als Testhaushalt zu fungieren häufiger ablehnen als “Ungebildete”. Dadurch entstünde ein Gefälle im Durchschnittsniveau der Testgruppe, welches Spartensender und anspruchsvolleres Programm ungerechterweise benachteiligen würde.

Wie man es dreht und wendet – der Film ist leider nur durchschnittlich, das Thema an sich hingegen durchaus von Bedeutung. Beschäftigung mit dem Thema ist wichtig, und wenn “Free Rainer” ein paar Leute mehr zum Nachdenken darüber bewegt hat, dann hat er schon einiges geleistet.


Footnotes:
  1. http://www.moviemaze.de/filme/1893/free-rainer.html
  2. http://www.moviemaze.de/filme/1893/free-rainer.html