Seven Pounds

Gabriele Muccino – USA, 2008

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Wer noch vor hat, diesen Film anzuschauen, sollte unbedingt darauf achten, nirgends auch nur den Hauch eines Spoilers abzubekommen – denn wenn überhaupt, kann man den Film meines Erachtens nur richtig auf sich wirken lassen, sofern man ihn ohne Vorwissen anschaut. Selbst dann vermag aber der Film seine eigentlich vorhandene Stimmung und Wirkung nicht voll zu entfalten, was meiner Meinung nach an der misslungenen Dramaturgie liegt. Insgesamt war ich deshalb doch eher enttäuscht – nach dem ersten Trailer hatte ich mir viel von dem Film erwartet. Der “Fresh Prince” zählt zu meinen Lieblingsdarstellern, einen richtig schlechten Film mit Will Smith habe ich bislang noch nicht gesehen. 1
Und auch “Seven Pounds” ist kein schlechter Film, er verschenkt nur endlos viel Potential. Die Idee ist gut und Will Smith spielt (wie auch die übrigen Darsteller!) hervorragend, aber im Bereich von Drehbuch und Regie/Schnitt sind meiner Meinung nach viele Fehler gemacht worden. Bitte den Mittelteil nur lesen, wenn schon gesehen oder sowieso kein Interesse am Film – ohne Spoiler kann ich das nicht genauer ausführen.

Bevor ich darlege, was mich am Drehbuch gestört hat, zunächst ganz allgemein: Der Film war viel zu überzeichnet und übertrieben. Die Geschichte ist enorm tragisch, und zwar einfach für sich genommen – ohne all die Kniffe, die im Film zusätzlich für Dramatik sorgen sollen. Ich hätte öfter mal eine nüchterne Erzählweise besser gefunden, was mir persönlich erst so wirklich einen Kloß im Hals beschert hätte. Aber gut, der Regisseur wollte das volle Programm.. weichgezeichnete Wiesen beim romantischen Spaziergang, heftige Regenfälle beim großen Finale, draufgehaltene Kamera während der letzten Zuckungen.. so dramatisch wie irgendwie möglich. Das steht also auf der einen Seite.
Auf der anderen Seite wird aber sofort zu Beginn verraten, wie alles endet, worauf alles hinausläuft. Natürlich, man hat nicht sofort durchschaut, wie die Zusammenhänge nun sind und ab diesem Punkt war vielleicht irgendwie die Hoffnung vorhanden, dass er rechtzeitig gerettet wird, aber im Prinzip beginnt der Film gleich in der ersten Szene die Demontage seiner eigenen Dramaturgie. Und sie setzt sich in den kurzen Rückblenden zu dem schrecklichen Unfall und Tims “vorherigem” Leben fort. Auch wenn man nicht unmittelbar das komplette Puzzle lösen kann, wird doch sehr schnell klar, dass Tim durch einen schlimmen Unfall sein bisheriges Leben verloren hat und nun diese neue Rolle als “Samariter” bis zu dem Höhepunkt seines Selbstmords erfüllt. Selbst ohne die exakten Zusammenhänge finde ich das schon verdammt viel Holz und es hat für mich fast die gesamte Spannung aus dem Film genommen. Erzählweise und Erzählstruktur arbeiten gegeneinander, was ich sehr befremdlich fand.
Es mag anmaßend sein, aber trotzdem erlaube ich mir das kleine Gedankenspiel, welche Änderungen am Drehbuch dem Film meiner Ansicht nach gut getan hätten. Auf jeden Fall würde ich die erste Szene direkt streichen – wenn der Zuschauer noch nicht weiß, was für ein herzzerreißendes Finale ihn erwartet, wirkt es viel intensiver. Also, merke: Nun weiß den ganzen Film über niemand, dass Tim am Ende den Heldentod sterben wird! Außerdem sollten die Hintergründe für sein Handeln noch viel länger undurchsichtig bleiben – die Szenen vom Unfall würde ich entweder ganz rauslassen oder noch viel kürzer schneiden und meinetwegen als Albträume einbauen. Die verschiedenen Teile seiner zwei Leben könnte man so trimmen, dass der Zuschauer auf die “Ah, er hat sieben verschiedene Leben.”-Fährte gelockt wird: Ein Leben als tougher Geschäftsmann, eines als romantischer Ehemann mit Haus an der Küste, eines als Freund von verbotenen Tieren welcher ein eigenes Apartment dafür braucht, eines als romantischer Verführer, eines als IRS-Beamter, … zusammen mit den Albträumen und den Anrufen seines Bruders könnte man da sogar eine kleine Schizophrenie draus zaubern. Erst beim Finale, nachdem sein Bruder den Zuschauer mit der Information, dass er gar nicht Ben sondern Tim ist, schon ins Rätselraten gebracht hat, würde ich alles auflösen: In einer langen, aber sehr ruhigen Szene den Unfall zeigen, mit kurzen Sequenzen die Zusammenhänge zu den “anderen Leben” herstellen. Dann den Anruf beim Notruf zeigen, Abblenden, schwarzes Bild. Das Klicken eines Lichtschalters, das Licht im Badezimmer flackert, er steigt in die Wanne. Und während er die Qualle ins Wasser kippt, ist der Zuschauer fast noch dabei, all die plötzlich klar werdenden Zusammenhänge zu verarbeiten.
Ich glaube, ich muss selbst mal einen Film machen. Hat zufällig jemand nen Draht zu Will Smith? :D

Das klingt nun vermutlich wieder mal viel zu negativ, aber gerade um diffizile Schwächen begreiflich zu machen, braucht es nun mal viele, viele Worte. Darum nochmals: Es ist kein schlechter Film, und auch in der Schnittfassung fürs Kino hat er mich zutiefst gerührt. Gerade deshalb bin ich aber enttäuscht, denn es hätte auch ein herausragender Film sein können und wurde doch nur Durchschnitt.
Interessanterweise habe ich von vielen Leuten gehört, dass sie sich an der “Nicht-Auseinandersetzung” mit der Thematik von Organspenden im Allgemeinen gestört haben. Daran habe ich zu keiner Sekunde während der vollen zwei Stunden Spielzeit gedacht, obwohl ich wahrlich kein vorbehaltloser Befürworter von Organspenden bin – es ist ein Film und auf dessen Setting lasse ich mich beim Schauen ein. Da von Verherrlichung nicht die Rede sein kann, sehe ich kein Problem – ich halte ja auch nichts von Drogen, nur weil “Layer Cake” ein geiler Film ist. ;)
Interessanter fände ich da eigentlich noch die Beschäftigung mit der Frage, ob die “Lösung” oder der Weg, den Tim für sich gewählt hat, tatsächlich richtig ist. Sicher, es ist eine unglaubliche Aufopferung, aber hätte er nicht vielleicht insgesamt mehr Menschen helfen können, wenn er als freiwilliger Helfer bis ins hohe Alter gelebt hätte? Wäre das nicht auch aufrichtiger gewesen, stiehlt er sich nicht aus der Verantwortung, indem er sich selbst das Leben nimmt? Diese Fragen sollen aber wirklich als solche verstanden werden, es sind keine rhetorischen! Dieser Aspekt wird im Film ebenfalls überhaupt nicht aufgegriffen, aber im Grunde ist beides nicht schlimm, mir ist nur der Gedanke an Letzteres gekommen, als ich meine Verwunderung über Ersteres festgestellt habe. ;)

Spoiler vorbei, Fazit: Letztendlich endet auch mit “Seven Pounds” die Reihe der guten Filme mit Will Smith noch lange nicht, und spätestens auf DVD sollte man den Film dann auch einmal gesehen haben. Richtig freuen würde mich natürlich ein mutiger Director’s Cut, aber da brauch ich mir vermutlich keine großen Hoffnungen machen. Eines muss aber auf jeden Fall noch lobend erwähnt werden: Endlich mal wieder ein Trailer, der nicht schon 90% der Handlung vorwegnimmt, sondern sogar eher auf eine falsche Fährte lockt! Bitte mehr davon, liebe Trailer-Produzenten!


Footnotes:
  1. Ja, “Independence Day” ist ein verdammt geiler Film. Punkt. Und so schlimm war “I am Legend” nun auch nicht.. ;)
  2. Ja, \"Independence Day\" ist ein verdammt geiler Film. Punkt. Und so schlimm war \"I am Legend\" nun auch nicht.. ;)