11.02.2009
Die Kunst und ich, oder: Kandinsky – Absolut. Abstrakt
Ich bin kein großer Kunstfreund. Zumindest was die “klassischen” Künste angeht, die aber schwer zu definieren oder einzugrenzen sind. Filme und moderne Musik sind ja ebenfalls Kunst, selbst manches Computerspiel kann als Kunstwerk durchgehen. Da bin ich dann durchaus ein großer Kunstliebhaber – blöd gesagt: Tendenziell rümpfe ich eher die Nase, wenn es um Kunst geht, die irgendwelche reichen und/oder eingebildeten Schnösel frohlocken lässt, weil sie sich intellektuell daran hochziehen können. 1 Und umgekehrt verzückt mich meistens das, worüber diese Art Mensch eher die Nase rümpfen würde. Aber wie gesagt: Hier ist es eigentlich unmöglich, irgendwelche Grenzen zu ziehen, weder im Kleinen noch im Großen, weder subjektiv noch objektiv. Insofern möge sich bitte niemand auf den Schlips getreten fühlen, der sich für Kunst begeistert – ich kann die Begeisterung anderer auch nachfühlen, ohne sie zu teilen.
In der Schule habe ich die Malerei gehasst – aktiv wie passiv. Ich selbst bin schlichtweg komplett unbegabt und unsere Kunstlehrerin war meinem Interesse an Bildern von toten Menschen nicht unbedingt zuträglich. Sicher, es gibt atemberaubende Bilder. Den Kult um Gemälde wie die “Mona Lisa” habe ich jedoch nie nachvollziehen können – ich kenne dutzende Bilder, die mir viel besser gefallen. Diese Subjektivität, die doch Kunst stets zu Grunde liegt, verleiht dem Kunstunterricht in der Schule und den dogmatischen “Klassikern” der Kunst eine Absurdität, die in mir Unverständnis und Ablehnung hervorruft. Ich weiß auch gar nicht mehr genau, weshalb ich mich zum Besuch der Kandinsky-Ausstellung im Lenbachhaus überreden hab lassen.
Doch es hat sich gelohnt – auch wenn meine grundlegende Einstellung nicht verändert ist, war die Führung insgesamt interessant und der Abend hat mir einige neue Einblicke und Sichtweisen verschafft. Zum Studentenpreis von 6 € ist das schon in Ordnung.
Da ich wie schon erwähnt ein “Kunstbanause” bin, war der wichtigste Teil der Ausstellung ganz klar die Führung – ohne die dort erzählten Informationen hätte es wohl nur einen einzigen Moment gegeben, der mir in wirklich positiver Erinnerung behalten wäre. In einer Gruppe aus etwa 25 Studenten (die Führung war vom Studentenwerk organisiert worden) wurden wir von einer sehr netten, jungen Kuratorin anhand einiger ausgewählter Werke 2 durch die Ausstellung und somit durch Kandinskys Leben geführt.
Bis auf die Bilder, zu denen uns mehr erzählt wurde, haben mich nur sehr wenige angesprochen, zu einem davon komme ich später nochmal. Ich muss gestehen, dass mir noch wie vor nicht ganz klar ist, weshalb es so besonders ist, die Bilder im Original zu sehen. Sicher, sie sind größer als auf meinem Monitor, die Farben sind echter. Aber wesentlich mehr Zeit als die fünfzehn Minuten U-Bahn und 6 € Eintritt wäre mir das nicht wert, schon gar nicht “nur zum Schauen”. Vermutlich stehen Kunstliebhabern bei solchen Aussagen berechtigterweise die Haare zu Berge – ich hingegen bekomme Ausschlag vom Gedanken, einen Film über zwei Tage verteilt zu anzuschauen. Oder natürlich von deutschen Synchronfassungen. So hat wohl doch jeder seine eigene Ansicht darüber, was “Kunst” ist und wie er sich davon leiten lässt, sogar ich.
Die Konsequenz ist, dass ich jetzt hier nicht schreiben kann und werde, wie großartig es war, Gemälde XYZ endlich mal “in echt” zu sehen. Dem Gesichtsausdruck anderer Besucher der Ausstellung zu urteilen, ist das wohl ein verbreitetes Gefühl. Auf der Gefühlsebene hat mich nur ein Bild erreicht, auch hier nur wegen der Hintergrundinformationen. Es handelt sich um “Weißer Strich” aus dem Jahr 1920, dem Jahr in dem sein nur dreijähriger Sohn gestorben ist. Die Interpretation unserer Führerin, wie Kandinsky diesen Verlust in dem Bild verarbeitet, war sehr spannend, insbesondere weil weder er selbst noch seine Frau ansonsten mit einer einzigen Silbe jemals wieder erwähnen, dass dieser Sohn überhaupt existiert hatte.
Generell war es auch interessant, immer wieder zu sehen, wie Kandinsky den aktuellen Zeitgeist in seinen Bildern eingefangen hat, von Einsteins Relativitätstheorie, die sich in Bildern mit verschiedenen Ebenen und “Dimensionen” wiederspiegelt, über die Nazi-Zeit bis hin zur Erfindung des Elektronenmikroskops, nach der er in vielen Bildern amöbenartige Strukturen zeichnet.
Neben oben erwähntem Bild hat es mir noch eines ganz besonders angetan. Nicht unbedingt wegen des “Motivs”, viel mehr aufgrund eines winzigen Details und den Gedankengängen, die jenes in meinem Kopf reaktiviert hat. Es handelt sich um die “Komposition VIII”.
Das Detail, das gemeint ist: Oben mittig im Bild sind ein kleines gelbes Dreieck und ein blauer Kreis zu sehen, die sich berühren. Gefunden? Dann kurz im Kopf behalten, während ich ein bisschen aushole.
Michelangelo kennt jeder, einer der bedeutendsten und anerkanntesten Künstler aller Zeiten. Zu Lebzeiten von Kandinsky noch mehr als heutzutage, schließlich sind heute auch dessen Werke anerkannt. Das war damals nicht so, erst gegen Ende seiner Karriere hat er überhaupt Geld mit seiner Kunst gemacht, aber zum größten Teil seines Lebens galt sein Schaffen als “entartet”. Ihn hat das allerdings nicht weiter gestört, an Selbstbewusstsein hat es ihm nicht gemangelt.
Untrennbar mit Michelangelo verbunden ist sein Deckengemälde der Sixtinische Kapelle, welches zu den größten Kunstwerken der Geschichte zählen dürfte. Wenn man sich dieses einmal genau anschaut, erkennt man: Adam befindet sich in einem Dreieck (mit einer sehr ungeraden Kante, aber beim Interpretieren darf man ja nicht so genau sein) und Gott in einem Kreis. Na, klingelt’s?
Wenn man den Ausführungen unserer Führerin Glauben schenken darf, hat Kandinsky selbst mit Bezug auf Kreis und Dreieck in seinem Bild sinngemäß gesagt: “Was Michelangelo kann, kann ich schon lang..”
Zur damaligen Zeit schon beinahe Blasphemie, dass sich dieser ohnehin als entartet geltende “Künstler” erdreistet, sein Schaffen mit dem von Michelangelo gleichzusetzen. Ich persönlich finde sowas allerdings grundsätzlich sympathisch. In mir steckt eben ein kleiner Revoluzzer.
Warum diese Anekdote nun in meinem Kopf einen Gedanken reaktiviert hat, bedarf eines weiteren kleinen Exkurses. Während meines Anglistik-Studiums habe ich ein Proseminar mit dem schönen Titel “Libertine literature” besucht. Wie der Name sagt, beschäftigten wir uns dort mit Literatur von “Freidenkern”, Menschen die es ablehnten an irgendwelche Normen, Religion, Werte oder sonstiges zu glauben. 3 Im Speziellen war der 2nd Earl of Rochester, John Wilmot (1647 – 1680), oft der Autor der Werke, mit denen wir uns auseinandersetzten. Hier ein Auszug, um aufzuzeigen auf welchem Niveau dessen “Kunst” sich in etwa abspielte:
The easiest King and best bred man alive.
Him no ambition moves to get reknown
Like the French fool, that wanders up and down
Starving his people, hazarding his crown.
Peace is his aim, his gentleness is such,
And love he loves, for he loves fucking much.
Nor are his high desires above his strength:
His scepter and his prick are of a length
And she may sway the one who plays with th’ other,
And make him little wiser than his brother.
Poor Prince! thy prick, like thy buffoons at court,
Will govern thee because it makes thee sport.
‘Tis sure the sauciest prick that e’er did swive,
The proudest, peremptoriest prick alive.
Though safety, law, religion, life lay on ‘t,
‘Twould break through all to make its way to cunt.
Restless he rolls about from whore to whore,
A merry monarch, scandalous and poor.
Es reicht völlig, nach den seven dirty words Ausschau zu halten, Hank Moody ist ein Waisenknabe gegen den Earl. Mit dreiunddreißig starb er an den Folgen von Syphilis und Alkoholmissbrauch und bis dahin hat er genau das Leben geführt, dass man sich anhand dessen vorstellt. Und dennoch mangelte es ihm weder an Selbstbewusstsein noch Erfolg, er war lange Zeit sogar Vertrauter des Königs. Ein wahrlicher “Rockstar” seiner Zeit, nicht ohne Grund stellt ihn in der Verfilmung seines Lebens aus dem Jahr 2004 kein geringerer als Johnny Depp dar.
So, nun kommen wir zum Punkt: Englische “Lyrik” mit versauten Texten, ein lasterhaftes Leben, trotzdem großer Erfolg. Diese Beschreibung trifft auch auf einen “Künstler” unserer Zeit ganz vortrefflich zu: Eminem.
Das mag weit hergeholt klingen (und sein), aber immer wieder fühlte ich mich anhand der Biographie und Werke von John Wilton an den polarisierenden Rapper aus Detroit erinnert. Diese grenzenlose Überheblichkeit, Selbstherrlichkeit, Frauenfeindlichkeit (in den Texten) und gewollte Provokation sind beiden gemein. Hier schließt sich der Kreis wieder – denn während ich Eminem für einen außerordentlich begabten “Künstler” halte, rümpfen vermutlich 90% der Besucher einer Kandinsky-Ausstellung eher die Nase über ihn.
Exkurs beendet. Kandinsky war zwar sicherlich kein so böser Bube wie die beiden “Dichter”, aber wie gesagt: an Selbstbewusstsein und Ablehnung der etablierten Rangordnungen mangelte es ihm keineswegs. Seine Aussage bezüglich Michelangelo war es, die mich an meine Gedanken aus dem Proseminar erinnerte. Es ist schwierig, das wirklich nachvollziehbar zu beschreiben, ich will es einmal mit einem Auszug aus dem bekannten Song “Without Me” versuchen:
Though I’m not the first king of controversy
I am the worst thing since Elvis Presley,
to do Black Music so selfishly
and use it to get myself wealthy. (Hey!)
There’s a concept that works,
20 million other white rappers emerge
but no matter how many fish in the sea
it’ll be so empty without me.
Was für eine Aussage tätigt Eminem hier? Ich mach denselben Mist wie Elvis und es klappt wunderbar. Er demontiert ein Idol, die hochstilisierte Ikone einer kompletten Generation, außerdem stellt er sich auf dieselbe Ebene. Das ist, wenn man es ein wenig abstrahiert, gar nicht so weit davon entfernt, was Kandinsky sich damals erlaubt hat, nicht wahr?
Nun aber genug der verknoteten Gedankengänge, ein letzter “Oha!”-Moment bleibt noch kurz zu erwähnen. Anfang der Woche hab ich kurz das iPhone-Spiel Boomshine vorgestellt, wer die Screenshots nicht mehr vor Augen hat, bitte kurz nachgucken. Während wir auf dem Weg zu einem der letzten Bilder der Führung waren, liefen wir auch an “Einige Kreise” vorbei, ein Werk aus dem Jahr 1926.
Sieht das Bild dem Spiel nicht verblüffend ähnlich?
Fazit: Die Ausstellung, die noch bis zum 08.03.2009 (aufgrund des Andrangs verlängert, ursprünglich bis 22.02.2009) in München ist und danach ins Centre Pompidou in Paris und das Guggenheim Museum in New York wandert, ist unter Umständen schon dann einen Besuch wert, wenn man eigentlich kein großes Interesse an alten Bildern hat. Sofern man grundsätzlich minimal aufgeschlossen ist, kann man wenigstens aus der Führung etwas mitnehmen. Und selbst wenn nicht, kann man die ganzen Kunstfreaks beobachten, wie sie mit offenen Mündern vor den Gemälden erstarren, auch amüsant. Keep it real, yo!
Footnotes:
- Achtung: Ich rümpfe die Nase, wenn dem so ist, nicht weil es immer so ist. Das ist es nicht. ↩
- Insgesamt sind etwa 230 Werke ausgestellt. ↩
- Ich straffe das jetzt hier auf nahezu sträfliche Kürze, Ungenauigkeiten sind dabei kaum zu vermeiden. In “einem bekannten Online-Lexikon” kann man bei Interesse einige Details zur “Libertine”-Bewegung nachlesen. ↩
- Achtung: Ich rümpfe die Nase, wenn dem so ist, nicht weil es immer so ist. Das ist es nicht. ↩


Ich bin schon seit geraumer Zeit ein “stiller Mitleser” deines Blogs, deine Gedanken zu Filmen decken sich meist sehr mit den meinen, so dass ich stets interessiert deine Rezensionen verfolge. Ich bin zwar alles andere als ein Eminem-Fan, aber deine Ausführungen waren spannend zu lesen und, keine Sorge, gut nachvollziehbar. Ich muss sagen, dein breit gefächertes Wissen hat mich heute tatsächlich überrascht – Filmkenner, Anglist, Webentwickler, und in diesem Eintrag schon beinah’ philosophisch unterwegs. Das wollte ich dir dann doch gesagt haben, bevor ich mein Dasein als schweigsamer Filmtipp-Abgreifer weiterführe.
Wow, da bin ich jetzt tatsächlich platt, Hannes. Vielen Dank für dieses große Lob, das freut mich wirklich ungemein und wird mich vermutlich mindestens die nächsten paar Tage immer wieder zufrieden Grinsen lassen!