Slumdog Millionaire

Danny Boyle – UK, 2008

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Bis vor einigen Wochen kannte ich noch nichtmal den Namen dieses Films, doch da die Oscars jetzt quasi vor der Tür stehen, wollte ich mir auch von diesem hoch gehandelten Kandidaten selbst einen Eindruck verschaffen. Die (teilweise) um sich greifende Bollywood-Begeisterung hat mich überhaupt nicht erfasst, ich kann dem nichts abgewinnen. Doch “Slumdog Millionaire” ist auch gar kein Bollywood-Film: der Schauplatz ist zwar Indien und Musik sowie manche Aufnahmen lehnen sich etwas an indische Filmkunst an, alles in allem ist es aber ein westlich (produzierter und) gehaltener Film. Die klassische Geschichte, die zurecht in vielen Rezensionen als “modernes Märchen” bezeichnet wird, ist schnell skizziert: Jamal schafft es im indischen “Wer wird Millionär?” bis zur alles entscheidenden Frage, wird aber aufgrund seiner Herkunft aus dem Dharavi-Slum verdächtigt, auf irgendeine Art und Weise zu betrügen. Da er auch im Verhör darauf beharrt, die Antworten alle zufällig im Laufe seines Lebens erfahren zu haben, erzählt er zur Rechtfertigung für jede Frage eine Anekdote. Im Verlauf des Films wird so Schritt für Schritt seine komplette Lebensgeschichte aufgerollt.

Diese Erzählstruktur, abwechselnd ein Fragment aus der Sendung/dem Verhör und eine Episode aus Jamals Leben, hält einen durchgehend bei Laune und die Spannung aufrecht. Es ist ein interessantes, aufregendes und auch dramatisches Leben, das der junge Jamal mit seinem Bruder Salim führt, oder besser gesagt führen muss. Mal bringt einen die Erklärung, weshalb er eine bestimmte Frage beantworten konnte, zum Schmunzeln, mal zum Nachdenken – für Abwechslung ist immer gesorgt. Schnell bangt und hofft man mit Jamal, wünscht und gönnt ihm einen glücklichen Ausgang der Geschichte.

Viele großartige Aufnahmen erfreuen das Auge, besonders die Bilder aus Dharavi sind wirklich klasse. In nur einigen wenigen, kurz gezeigten Blicken aus der Vogelperspektive werden gleich in den ersten Minuten die Ausmaße des Slums eindrucksvoll zur Schau gestellt. Bunt und farbenfroh präsentiert sich die Gegend, oft im deutlichen Gegensatz zu bedrückenden und traurigen Ereignissen.
Generell waren die Einblicke in die indische Kultur, in Land und Landschaft, faszinierend und mal etwas anderes als zum siebenhundertsten Mal L.A., New York und Co. ;) Ob die Unkenrufe von Kritikern, dass der Film “nur ein westlicher Blick auf Indien” sei, dabei zutreffend sind oder nicht, kann ich weder beurteilen, noch halte ich es für besonders wichtig. Mir wurde etwas gezeigt und näher gebracht, von dem ich vermutlich seit dem Erdkundeunterricht der zehnten Klasse nicht mehr intensiver als in 30-sekündigen Tagesschau-Schnipseln gehört habe, und das ist, finde ich, auf jeden Fall positiv zu bewerten.

Der Film bietet eine aufregende und berührende Story, großartige Bilder und Regiearbeit, auch die Musik passt immer. Die Schauspieler, mir bislang allesamt unbekannt, überzeugen ebenfalls. Ein großer Wurf von Danny Boyle, der (“der Wurf”, nicht nur “der Danny”) hoffentlich auch bei den Oscars entsprechend gewürdigt wird, denn den “ollen” 1 BB steckt dieser Streifen in jeder Hinsicht in die Tasche.

Interessant fand ich übrigens, dass Boyle das Projekt zunächst gar nicht genauer ansehen wollte, weil er keine Lust auf einen Film über die thematisierte TV-Sendung hatte. Erst als er erfuhr, dass Simon Beaufoy der Drehbuchautor war, änderte er seine Meinung, da Beaufoy vor mehr als zehn Jahren auch das Drehbuch zu einem von Boyles Lieblingsfilmen geschrieben hatte. Um aus der Romanvorlage “Q and A” ein ordentliches Drehbuch zu machen, reiste Beaufoy dreimal nach Indien, um das Slum selbst zu erleben und mit Kindern vor Ort zu sprechen.

Die Rolle des TV-Moderators wurde zunächst Shahrukh Khan angeboten, dem Bollywood-Star, den sogar ich kenne und der den Posten derzeit wirklich innehat. Der Star, dessen Autogramm sich der junge Jamal zu Beginn des Films holt, ist Amitabh Bachchan, seines Zeichens wiederum der erste Moderator der indischen Adaption der Sendung.
Überrascht hat mich, dass im Film die Originalmusik verwendet werden durfte, kommt die Sendung doch nicht unbedingt gut davon. Für mich als bekennenden “Wer wird Millionär?”- und Jauch-Hasser ein weiterer Aspekt, der den Film zum Genuss werden hat lassen. :D

Fazit: Sehr sehenswert, egal ob man die Sendung leiden kann oder nicht. Eine der schönsten Love-Storys 2 seit langer Zeit!


Footnotes:
  1. Was für ein Wortwitz. Ich hab natürlich unmittelbar 5€ in die entsprechende Kasse gezahlt.
  2. Hurra, jetzt ist es mir zufällig doch noch gelungen – ich hatte fest vor, irgendwo im Artikel bezüglich Boyle noch etwas erwähnen, aber der Anschluss wollte einfach nicht kommen. Mit dem letzten Satz hat es nun unbewusst doch noch geklappt, wie mir beim Korrektur-Lesen auffällt: Danny Boyles erster Film in den USA, “A Life Less Ordinary” (Lebe lieber ungewöhnlich), ist für mich eine der wunderbarsten und romantischsten Love-Storys aller Zeiten.