19.02.2009
The Curious Case of Benjamin Button (Der seltsame Fall des Benjamin Button)
David Fincher – USA, 2008
IMDB – de.wikipedia – en.wikipedia – Amazon
Achtung, Spoiler im Text! Meiner Meinung nach überrascht der Film selbst zwar ohnehin nicht mit den Dingen, die ich teilweise vorwegnehme, aber wer komplett ungespoilert bleiben will, sollte besser noch nicht lesen, warum ich BB für den überbewertetsten Film seit Langem halte.
13 Nominierungen für den Oscar, der Film muss ja gut sein. Naja, Pustekuchen. Die Nominierung von Eric Roth ist eine Beleidigung für F. Scott Fitzgerald, daran ändert auch “Forrest Gump” nichts. Ich habe erst nach dem Schauen bemerkt, dass Eric Roth auch hinter dem Meisterwerk mit Tom Hanks steht und war direkt überrascht, wie einnehmend und wichtig die Vergleiche mit jenem Film in beinahe allen Kritiken und Meinungen vertreten waren. Während des neuen Machwerks von David Fincher musste ich zu keinem Zeitpunkt in irgendeiner Weise an “Forrest Gump” denken und finde es auch gar nicht sonderlich angebracht, die Beiden großartig zu gegenüberzustellen. Alles, was man zu einem Vergleich sagen kann: “Forrest Gump” ist tatsächlich gut und hatte seine 13 Nominierungen verdient. “Schlecht” war Benjamin Button nicht – zu einer positiveren Aussage als dieser kann ich mich aber kaum hinreißen lassen. Dafür stehen die allgegenwärtige Lobhudelei und tatsächliche Qualität des Films einfach in einem zu krassen Gegensatz.
Das absolut zentrale Problem des Films ist: Nur weil der Fall des BB so besonders ist, wird aus einem Film darüber noch lange kein besonderer. Brad Pitt ist ein guter Schauspieler, keine Frage. Und auch hier spielt er ordentlich – aber aus diesem langweiligen und farblosen Charakter kann selbst er nicht viel herausholen. Was bewegt BB, was treibt ihn an? Wieso streift er durch die Welt? Sucht er nach dem Sinn des Lebens? Einer Erklärung für seinen Zustand? Der Liebe seines Lebens? Nervenkitzel? Keine Ahnung, das scheint unwichtig zu sein – er streift eben und wird dabei meist von Binsenweisheiten aus dem Off begleitet. Viele der Kurzepisoden sind derart motivationslos, dass ich wirklich an David Fincher zu zweifeln begann. Eine ganz lockere halbe Stunde wäre vielleicht als Material für DVD-Bonus-Features verwertbar gewesen, wirkt im Film aber einfach deplatziert.
Es geht schon mit der um die eigentliche Handlung herumkonstruierten Geschichte los – ich hab am Schluss eigentlich nur darauf gewartet, dass sie aus ihrem Bettchen aufsteht und das “Herz des Ozeans” vom Heck ins Wasser wirft. Ach nein, das war ja ein anderer Film. ![]()
Wozu das Kathrina-Drama anhand der künstlichen Erzählzeitphase zum tatsächlichen Film-Geschehen pappen? Nein, der Film gewinnt dadurch nicht an Dramatik und die Charaktere nicht an Tiefe. Weshalb offenbart man der Tochter am Sterbebett ihrer Mutter noch schnell, dass ihr Vater eigentlich ein komischer, rückwärts alternder Mensch war? Mit den gigantischen 30 Sekunden, die sie vom Skript dafür zugesprochen bekommt, kann keine Schauspielerin auf der Welt eine glaubhafte Verarbeitung 1 dessen darstellen; auch das sterbende Mütterchen selbst, das am Anfang gefühlte zehn Minuten lang den Zuschauer mit ihrem Gewinsel quält, verliert durch die umständliche Geschichte eher an Tragik als davon zu profitieren.
Und noch einmal: Wozu? Wozu die komplett eigenständige Geschichte mit der rückwärts laufenden Uhr? Wenn man das ganze schon als Rahmen im Rahmen anlegt, dann wäre es sehr geschickt, auch einen Zusammenhang herzustellen, der über “kommt im selben Film vor” hinausgeht. Mir egal wie, von mir aus hätte man zeigen können, wie es Benjamins Eltern während eines schlimmen Gewitters direkt unter der Uhr treiben, Blitzschlag während des Gipfels, Tadaa.. alles wäre besser gewesen als es einfach so dahingeklatscht reinzuschneiden.
Wie ich schon sagte: “schlecht” würde ich den Streifen nicht nennen. Blendet man die obigen Skript-Verbrechen aus, dann vermögen Pitt und seine Partnerinnen durchaus stimmungsvolle Momente zu erzeugen, aber leider nicht viel mehr als nur Momente. Was mir fehlte, ist ein größerer Zusammenhang, der diese Momente verbindet, sie in einen Kontext stellt, der nicht primär als “irgendetwas, was BB erlebt hat” definiert wird. Der Film hat schöne Bilder zu bieten, aber sie sind meist nichtssagend. Um mal einen Vergleich mit meinem aktuellen Favoriten aus 2009 2 zu ziehen: Die kurze Sequenz der ankommenden Anzugträger-Armada am Bahnhof, die Sam Mendes in “Revolutionary Road” zeigt, hat eine Bildsprache und -gewalt, zu welcher der Fincher-Film zu jedem einzelnen Zeitpunkt nur neidisch aufschauen kann. Der kleine Höhepunkt in dieser Hinsicht, Daisys Unfall mit dem Taxi, verpulvert sein Potential durch vollkommene Vorhersehbarkeit leider auch allzu leichtfertig.
Die Geschichte hätte durchaus Potential – gekürzt um mindestens eine halbe Stunde, ohne überflüssiges Meta-Geschehen und dafür mit dem Fokus auf Benjamins Gedanken, nicht seinen Erzählungen, wäre vielleicht ein toller Film daraus geworden. So ist es ein krampfhaftes Epos, das – ich wiederhol es nochmal: (vor allem handwerklich) nicht “schlecht” ist, aber dennoch – mit dieser Umsetzung des Stoffs einfach nicht genug hergibt, um eine Nominierung zum besten Film zu verdienen. Was rechtfertigt all die Vorschusslorbeeren, die der Film bekommen hatte? Das Budget von 160 Mio. Dollar? Brad Pitt, Cate Blanchett, Tilda Swinton? David Fincher? Eric Roth? Nein, denn wie sich hier eindrucksvoll zeigt, können auch die besten Köche mal ein Mahl versalzen und die Zutaten zerkochen.
Letztendlich ist der Film weniger wegen seiner selbst sondern mehr deshalb “sehenswert”, weil man selbst begutachten sollte, was so hochgelobt wurde. Das jedoch ist ein denkbar schlechtes Merkmal, wenn sonst wenig da ist, das einen Film auszeichnet. Nicht jeder Film braucht Anspruch, aber ich sitze ungern nach einem Film mit der Frage da, weshalb ich die letzten x Stunden mit ihm verbracht habe. Das muss keine große, pathetische Weisheit sein, aber “nur” faszinierende Aufnahmen und gute Schauspieler reichen eben nicht aus, das gewisse Etwas fehlte mir bei BB leider.
Übrigens, bezüglich der faszinierenden Aufnahmen: es gibt unter benjaminbuttonfx.com einige sehr interessante Einblicke in die Entstehung dieses “Special Effects”-Spektakels. 3
Footnotes:


Ich fand den auch nicht so prickelnd. Plätscherte so dahin und war irgendwann aus. Mehr eine Doku, aber das dann ja auch nicht. Komisch, wie du sagst nicht schlecht, aber auch nicht viel mehr.
Wow, ich hatte Angst vor bösen Morddrohungen wegen meiner unpopulären Meinung, und dann kommt sowas.
Mord muss es ja nicht gleich sein.. aber: der Film war toll und du bist doof.
Quatsch, mich wundert es zwar, aber so sind Geschmäcker eben.. ich fand dafür Tropic Thunder blöd.
Von mir auch keine Morddrohung, mir ging es genauso. Ich habe mich nicht sehr gelangweilt, aber eine Stunde hätte man kürzen können. Schöne Farben. Schwaches Drehbuch.
Hat es eigtl einen Sinn, dass das Filmplakat im Eintrag gespiegelt ist?
Ja klar, das mach ich immer so, wenn ich einen Film doof finde..
Scherz bei Seite: Das ist von den Kreativen hinter dem Poster so gedacht, vermutlich weil das Leben von BB ja spiegelverkehrt verläuft. Jedenfalls findet es sich in dieser Form auch in der Wikipedia und bei der Google-Bildersuche. Allerdings nur dieses eine Motiv, wenn ich das auf die Schnelle richtig gesehen habe.