Frost/Nixon

Ron Howard – USA/UK, 2008

IMDBde.wikipediaen.wikipediaAmazon

Eins ist mal klar, für nächstes Jahr brauche ich eindeutig eine andere Strategie bezüglich der Oscar-nominierten Filme. Die Verleihung macht nämlich deutlich mehr Spaß, wenn man die Kandidaten selbst kennt, was ich aber nicht als Glorifizierung der Academy-Beurteilungen verstanden wissen möchte. 1 Aber schön langsam habe ich dann endlich die wichtigsten Werke “abgearbeitet”, nun fehlen “nur” noch “Milk”, “The Wrestler”, “Doubt” und “The Reader”. Mit “Frost/Nixon” fand ich heute Zeit für einen Film, den ich auch unabhängig von seiner Nominierung gleich nach dem Trailer auf meine “Will ich sehen”-Liste gesetzt hatte. Ich kann mir selbst nicht direkt erklären weshalb, aber die Watergate-Geschichte fasziniert mich schon immer; ebenso mag ich Filme von der Art, wie “Frost/Nixon” anhand des Trailers zu sein versprach und er hat mich dann auch entsprechend gut unterhalten.

Ohne zu übertreiben, darf wohl gesagt werden, dass der Film primär von seinen (Haupt-)Darstellern lebt. Ich habe mir einige Ausschnitte aus den originalen Interviews angesehen (werde mir aber mit Sicherheit noch die Komplettfassung vornehmen) und wie seine Nominierung nahelegt, ist es insbesondere Frank Langella, der Nixon schon beinah erschreckend nahekommt. Es ist nicht weiter verwunderlich, dass Michael Sheen und Frank Langella ihre Rollen mehr leben als sie zu spielen, da sie diese schon zwei Jahre lang im gleichnamigen Theaterstück inne hatten, auf dem der Film basiert. Wie sehr den Beiden Handlung und Rolle in Fleisch und Blut übergegangen sind, ist deutlich bemerkbar. Auch insgesamt ist es für meinen Eindruck erstaunlich gut gelungen, die Stimmung und den Look der damaligen Zeit einzufangen. Die Besetzung überzeugt ausnahmslos, selbst der mir bislang in jeder Rolle grundsätzlich unsympathische Kevin Bacon hat mir diesmal richtig gut gefallen.
Der Film bietet durch die hervorragenden Darsteller eine sehr dichte Atmosphäre. Die Story ist naturgemäß nicht wahnsinnig spannend, es gibt keinen großen Wendepunkt im Plot und das Ende ist absehbar. Im Gegensatz zum Versprechen des Posters habe ich nach dem Trailer auch keinen “epic battle for the truth” erwartet, sondern eine vergleichsweise nüchterne, Doku-ähnliche Geschichtsstunde, die durch den Spielfilm-Charakter aber aufgelockert wird. Wer etwas anderes erwartet, geht falsch an den Film heran und dürfte enttäuscht werden. Ich mit meinem Anspruch jedenfalls war äußerst zufrieden.
Schade fand ich, das der nächtliche Anruf mit dem Gespräch über Cheeseburger anscheinend komplett erfunden ist, das hätte man gar nicht dazu dichten müssen, um mehr “Dramatik” zu erzeugen. Ich hatte nach dem Film nicht den Eindruck, es wäre Frosts “Verdienst” gewesen, dass Nixon zu guter Letzt ausgepackt hat. Historiker und Nixon-Vertraute bestätigen dies auch: Nixon hat aus freien Stücken über Watergate gesprochen, und zwar soviel wie er wollte und vorhatte. Kritiker des Films bemängeln, dass der Film in der Hinsicht einen falschen Eindruck erweckt, was ich nicht ganz nachvollziehen kann. Denn auch wenn der Anruf erfunden wurde und Frost am dem letzten Tag vor der Aufzeichnung Nixon damit verunsichert, so wird doch in einer minutenlangen Sequenz und einem eindeutigen Dialog klargestellt, dass Nixon selbst entscheidet, wie er das Gespräch zu Ende bringt.

45 Millionen Menschen haben die tatsächliche Erstausstrahlung der ersten Interviewstunde mitverfolgt, ein bis heute unerreichter Rekord. Als ich das gelesen habe, kam mir sofort der Gedanke, dass er wohl auch nicht mehr gebrochen wird. Selbst wenn es ein vergleichbares Interview mit G. Bush gäbe, würde ich darauf wetten, dass es nichtmal annähernd derartige Einschaltquoten hätte. Mittlerweile traue ich der (amerikanischen ebenso wie überall sonst auf der Welt) Bevölkerung nicht mehr zu, noch ein so hohes Interesse im Bezug auf politisches Geschehen und so fundamentale Belange wie Machtmissbrauch des Präsidenten zu zeigen. Obamania hin oder her, die Welt ist stärker eingelullt in Brot und Spiele als je zuvor. Die Puppenspieler des George W. haben vom Volk nichts mehr zu befürchten. In dem Zusammenhang bin ich auch schon gespannt auf Oliver Stones “W.” – und war, um zurück zu “Frost/Nixon” zu kommen, überrascht, dass Stone im Jahr 1995 auch schon eine Filmbiographie über Nixon gemacht hat.

Wie schon gesagt, werde ich mir wegen meiner Begeisterung für das Thema in absehbarer Zeit auch die Originalaufnahmen anschauen. Ich bin sehr gespannt, ob ich dann der Meinung sein werde, dass der Film sie würdig und authentisch wieder zum Leben erweckt hat. Über das Theaterstück hat der echte David Frost gesagt, dass es zwar ein wenig mehr Fiktion enthalten würde als ihm lieb sei, er aber ein Detail der Fiktionalisierung für einen Geniestreich halte: das von mir oben erwähnte Telefonat.

Eine nette Anekdote bezüglich der Nominierungen des Films hat Ron Howard übrigens bei Jimmy Kimmel zum Besten gegeben: Es ist Tradition in Howards Filmen, dass sein Dad eine kleine Rolle bekommt – und alle Filme, bei denen diese Rolle in der Endfassung dem Schnitt zum Opfer gefallen ist, wurden mit Nominierungen überhäuft, während er sonst leer ausging. ;)

Fazit: Ich finde “Frost/Nixon” sehr sehenswert, habe aber zugegebenermaßen eine Schwäche für das “Genre” und die Thematik. Kinobesuch ist hier allerdings keine Pflicht, im Gegenteil schadet es nicht, sich in aller Ruhe und Ungestörtheit auf den Film konzentrieren zu können.


Footnotes:
  1. Zum “Oscar-Missverständnis” hat sich Thomas lesenswerte Gedanken gemacht.
  2. Zum \"Oscar-Missverständnis\" hat sich Thomas lesenswerte Gedanken gemacht.