GTA Chinatown Wars

Rockstar Leeds/North über Rockstar Games, erschienen am 20.03.2009

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Skepsis war das zentrale Element aller Einleitungen von Reviews, die ich bislang zu Chinatown Wars (nachfolgend CW abgekürzt) gelesen habe. Man wäre ja angeblich sehr skeptisch gewesen, ob R* es gelingen würde, das Konzept auf dem DS umzusetzen. Ich bin da irgendwie anders herangegangen – ich habe die Ankündigung, dass das genialste Spielprinzip/-franchise unserer Zeit jetzt auch auf den DS kommt, einfach erfreut zur Kenntnis genommen und war überzeugt davon, dass R* schon wissen wird, was sie machen. 1 Danach habe ich mir keine großen Gedanken mehr darüber gemacht, bis dann vor zwei Wochen auch schon der Release war. Seitdem hab ich, wie es sich für ein GTA gehört, exzessiv wie irgend möglich 2 gespielt und nun gestern auch pflichtgemäß die 100% erreicht. Etwaige Skepsis war völlig unbegründet, mit Leichtigkeit hat R* das bislang – und zwar mit Abstand – beste DS-Spiel überhaupt aus dem Ärmel geschüttelt. Nur eine Handvoll anderer Titel hat mich auf dieser Plattform ähnlich begeistert, gefesselt und lange beschäftigt.
Ein Spiel kann auch mit nur einer dieser Eigenschaften schon gut sein – R* versteht es aber wie kein zweiter Entwickler, diese drei Eigenschaften in einer kunstvollen Symbiose zu vereinen.

Das Spielprinzip bedarf keiner Einführung mehr, wer hier noch Nachhilfe braucht: Ab in die Ecke! Im aktuellen GTA für die großen Konsolen hat man neue Wege beschritten und mit einem ernsten und düsteren Szenario qualitativ heftig am Hollywood-Niveau gekratzt. CW stehen nicht dieselben erzählerischen Mittel was Grafik und Sound angeht zur Verfügung, weshalb hier auch wieder eher auf die klassische GTA-Mechanik zurückgegriffen wird: Es gibt eine Story, die durchaus komplex und packend ist, jedoch extrem überzeichnete Charaktere aufweist, die man nie anfängt wirklich ernst zu nehmen, so dass man emotional bei weitem nicht so stark involviert wird, wie es bei Niko Bellics persönlichem “american dream nightmare” noch der Fall war. Huang Lee, dessen Vater ein Triaden-Boss war und kürzlich ermordet wurde, wird bei seiner Ankunft in Liberty City (LC) prompt überfallen, entführt, bestohlen und mitsamt Wagen im Meer versenkt. Zwar entkommt er dem Tod, doch da er ein äußerst wertvolles und bedeutsames Schwert im Gepäck hatte, stehen er und sein Onkel vor einem Problem. Von hier aus entwickelt sich dann die klassische GTA-Storyline: Von ganz unten muss man anfangen, sich Respekt bei immer wichtigeren Auftraggebern zu erarbeiten, um letztendlich sein Ziel, in diesem Fall Rache für den Mord am Vater, erreichen zu können.

Wie schon gesagt, nimmt sich CW nicht besonders ernst. Die Akteure sind allesamt eine Parodie ihrer selbst, einzig Huang Lee hat noch ein wenig Resthirn. Trotzdem ist die Jagd nach dem gestohlenen Schwert auf dem Pfad zur Rache spannend gestaltet und hält einen gut bei Laune. Statt Zwischensequenzen mit Spielgrafik gibt es bei Konversationen nur untertitelte Einzelbilder im Comic-Stil zu sich bald wiederholenden Hintergrundthemen zu sehen. Die atmosphärische Dichte ist entsprechend geringer, doch für ein Handheld-Spiel immer noch erstaunlich hoch. Reine Spielzeit für die Hauptstory war bei mir etwa 8 Stunden, man kann es aber sicher auch noch schneller durchhetzen. Ein Wochenende halbwegs intensiven Spielens reicht jedenfalls völlig aus, um Huang Lee erfolgreich durch seine Abenteuer zu lenken.

Beeindruckt hat mich zunächst einmal die Karte – es handelt sich tatsächlich um das LC aus GTA IV. Zwar fehlt Alderney (die dritte Insel) und teilweise ist es leicht modifiziert, aber mich hätte bereits erstaunt, wenn nur eine der drei Inseln umgesetzt worden wäre. Ein angenehmer Nebeneffekt ist daher, dass man sich – in Grenzen, weil die Perspektive ja doch eine andere ist – gut zurechtfindet, wenn man den Stadtplan schon intus hat. Im Gegenzug fand ich allerdings anfangs störend, dass das Spielgeschehen (am oberen Screen) und Minikarte (am unteren Screen) “so weit” auseinanderliegen – mir ist das Orientieren anhand der Karte während flotter Autofahrten jedenfalls schwerer gefallen. Dann habe ich entdeckt, dass R* natürlich auch daran gedacht hat und man sich die Routenplaner-Linien einfach direkt auf die Straße im Spielgeschehen einblenden lassen kann – Spitze!

Der Touchscreen war eigentlich meine größte Sorge, erfreulicherweise hält sich dessen Nutzung in Grenzen: Die Bedienung des spielinternen PDA wird natürlich darüber geregelt (und ist stellenweise lästig bis verbesserungswürdig, aber im Wesentlichen gut gelungen), ansonsten gibt es nur ein paar kleine Minispiele, wenn man etwa ein Auto aufknacken oder kurzschließen will, sich an der Tanke ein paar Molotov-Cocktails bastelt oder Mülltonnen nach Waffen durchsucht. Besonders angenehm dabei: Man kann auf den Stylus verzichten, es kommt nirgends derart auf Exaktheit an, dass man mit den Finger(nägel)n nicht auch weit genug kommen würde. Nichts finde ich lästiger, als permanent den Stylus aufnehmen und wieder ablegen zu müssen.

Die Grafik ist solide – vom DS darf man nach wie vor keine Hochglanzwunder erwarten, aber der Comic-Stil überzeugt durch seine Konsequenz und erinnert dabei auch direkt an GTA 2, ohne jedoch altertümlich zu wirken oder auf gewisse Gags der neueren Inkarnationen wie etwa die aufklappenden Motorhauben verzichten zu müssen. Explosionen und Feuer machen auch auf dem kleinen Display großen Spaß, und man erkennt sogar den überwiegenden Teil der verschiedenen, bekannten und liebgewonnenen Autos in der DS-Version sofort wieder.
Beim Sound sind wohl die größten Abstriche hinzunehmen – es gibt zwar verschiedene Radiosender, aber weder Moderation noch Titel mit Gesang. Trotzdem erstaunt auch hier die Varietät der akustischen Untermalung, zumal ich am DS ohnehin nicht zwangsläufig Musik brauche, sondern mich beispielsweise beim Spielen im Zug doch eher vom iPhone berieseln lasse.

Gerade im Gameplay-Bereich gibt es nicht nur nahezu alles, was man vom großen Bruder kennt, sondern sogar eine Menge neuer Ideen, die ich unbedingt auch beim nächsten Mal auf dem Fernseher erleben möchte. Allen voran: “Der McClane” – die Bezeichnung ist nicht offiziell, ich hab sie im Netz aufgeschnappt, wüsste aber keinen passenderen Namensgeber. :D Ausgangssituation: Man fährt mit dem Auto und hat dabei auch eine Waffe ausgewählt – so dass man einen Drive-By ausführen könnte. Nun drückt man die Taste zum Aussteigen, um bei voller Fahrt aus dem Wagen zu springen – soweit nichts Neues. Aber jetzt kommt’s: Unmittelbar nach dem Sprung betätigt man die Waffe und vollautomatisch wird aus dem simplen “aus dem fahrenden Wagen springen” die coolste Aktion, die GTA bislang gesehen hat. Huang reißt automatisch das Steuer rum, bevor er den Wagen verlässt, so dass dieser sich querstellt, man somit noch im Sprung auf den Tank schießen kann und der Wagen kurz vorm Überschlag in die Luft fliegt. Boom! Geht alles nur durch diese zwei Tastendrücke, man muss sich nicht sonderlich konzentrieren oder treffen – aber es macht solchen Spaß, dass man gleich zehn Autos hintereinander mit dieser Methode hochjagt, wenn man den erstmal Dreh raus hat. Und das Beste ist, dass sich das Ganze wirklich sinnvoll taktisch einsetzen lässt, ich habe in mehr als nur einer Mission auf diese Weise lästige Verfolger ausgeschaltet, die nicht rechtzeitig bremsen und so direkt mit in die Luft gehen.
Das zweite wirklich grandiose neue Feature betrifft den Wanted-Level. War bei GTA IV noch neu, dass man durch Entfernen aus einem gewissen Radius und anschließendem Füße-Stillhalten die Sterne mehr oder weniger leicht wieder los wurde, kann man jetzt aktiv gegen die Verfolger vorgehen. Natürlich führt das Töten weiterer Polizisten auch in Chinatown zu einem erhöhten Fahndungslevel, aber während der Verfolgungsjagden kann man Polizeiautos “ausschalten” und so die Sterne abbauen. Ein direkter Frontalcrash mit einem Polizeiwagen bei hoher Geschwindigkeit setzt diesen außer Gefecht, das eigene Fahrzeug übersteht aber problemlos drei und mehr dieser Crashs. Man kann natürlich auch versuchen, verfolgende Einheiten in die Leitplanken zu jagen, doch einfacher ist es mit voriger Methode. Wenn man drei Sterne hat, muss man drei Polizeiwagen ausschalten, um auf zwei Sterne zurückgestuft zu werden. Dann knallt man nochmal in zwei hinein und so weiter und so fort. Wie schon beim “McClane” gilt: Enorm spaßige Angelegenheit und daher auf jeden Fall ein Muss für die kommenden Titel.
Eher Kleinigkeiten, aber dennoch willkommene Ergänzungen hat die Karte erfahren: So kann man nun statt nur einem Zielpunkt mehrere “Favoriten” abspeichern und diese sogar durch verschiedene Farben einteilen. Endlich werden auch bereits gefundene/erledigte Exemplare der 100 Kameras (analog zu den 200 Tauben) und der Monstersprünge in einer eigenen Kategorie gesammelt, so dass man später bei der Jagd nach den 100% einen Überblick hat, wo man schon war.
Außerdem möchte ich unbedingt das Boot mit den Torpedos übernommen wissen – Boote waren doch in GTA IV stinklangweilig, weil man nichts damit anstellen konnte. Ebenso der Hubschrauber, aber der kommt in CW sowieso gar nicht (aktiv) vor. Großartig wäre sicher auch, wenn man die Jet-Skis mit einer ordentlichen Fahrphysik für das 3D-Spiel ausstatten würde – wer erinnert sich noch an Wave Race? ;)
Und, liebe Rockstars, bitte: Bringt den verdammten Ammu-Nation-Schießstand wieder zurück!

Überrascht, positiv natürlich, hat mich darüber hinaus vor allem die Erwachsenheit des Spiels. Gleich zu Beginn geht es so brutal zur Sache, dass selbst ich kurz gestaunt habe und im ganzen Spiel nimmt sich niemand ein Blatt vor den Mund – sehr schön, dass R* hier nicht aufgrund des traditionellen DS-Images irgendwelche Zugeständnisse an die Story und Erzählweise gemacht hat.

Es gibt wenig Negatives zu sagen. Die Spielzeit ist zu kurz, aber das habe ich auch bei GTA IV gesagt. :D Lästig fand ich im Grunde nur nach einiger Zeit das ins Spiel integrierte Mini-DopeWars. Überall in der Stadt stehen Dealer rum (80 Stück, man muss für die 100% alle finden), bei denen man Drogen an- und verkaufen kann. So kommt man zwar relativ schnell an viel Geld, aber es fügt dem Spiel vor allem eine äußerst eintönige Komponente hinzu.
Abgesehen davon hätte ich die Kamera oft gerne in einem anderen Winkel gehabt, aber hier musste man dann wohl doch die Grenzen des DS erkennen, welcher übrigens bei schneller, ungebremster Fahrt doch ab und an mal nicht hurtig genug die Texturen nachgeladen hat und so kurzzeitig graue Flecken im Bild verursachte.

Dennoch, zusammenfassend kann ich mich nur wiederholen: Stellt GTA auch auf der PS3 für mich das Maß der Dinge dar, gelingt es R* am DS mindestens genau so gut, eine kleine Welt zu schaffen, die einen in ihren Bann zieht und so schnell nicht mehr loslässt.


Footnotes:
  1. Ebenso, wie ich auch voller Zuversicht auf Max Payne 3 blicke, wo ja überall Unkenrufe kamen, weil Remedy es nicht mehr selbst entwickelt..
  2. Dank enorm häufiger Zugfahrten in den letzten Wochen war das trotz meines endlos zugekleisterten Terminkalenders kein Problem. :)