03.04.2009
Lakeview Terrace
Neil LaBute – USA, 2008
IMDB – de.wikipedia – en.wikipedia – Amazon
Nachdem mir aktuell von überall her “Gran Torino” empfohlen wird, ich aber mein Kinobudget nicht überstrapazieren 1 möchte, hab ich mir gedacht: Schaust du dir eben “Lakeview Terrace” an, den gibt’s gerade frisch auf DVD und das ist auch ein Nachbarschaftsdrama mit Rassismus-Thematik. ![]()
Sollte der Film von Clint Eastwood (dessen Trailer mich persönlich ja nicht besonders überzeugt hatte) seinen Lorbeeren gerecht werden, dann dürfte er jedoch ganz klar der bessere Film sein – da kann auch der mir weitaus sympathischere Samuel L. Jackson nichts daran ändern. “Lakeview Terrace” war nicht übel, Jackson hat in den letzten Jahren sogar deutlich schlechtere Filme gemacht, aber zu Hochform läuft er auch hier wieder nicht auf, wenngleich er dafür gar nicht unbedingt selbst verantwortlich ist.
Doch schön der Reihe nach: Worum geht es? Chris und Lisa ziehen in ein Anwesen in der namengebenden “Lakeview Terrace” 2 ein, sind endlich glückliche und stolze Hausbesitzer. Und was für ein Haus – fetter Pool, traumhafte Aussicht, die Gegend ist immerhin gehobene Mittelklasse. Selbiger gehört auch Abel (Samuel L. Jackson) an, ein Streifenpolizist, der nach dem Tod seiner Frau den alleinerziehenden Vater für Sohn und Tochter geben muss. Damit beginnt der Ärger auch schon: Abel ist die Beziehung zwischen Lisa und Chris nicht recht, denn Lisa ist eine Schwarze und Chris ist ein Weißer. Schlimmer noch, er ist sogar ein “Whigger”: ein Weißer, der einen auf “Nigger” macht, populäres Beispiel: Ali G. 3
Aber, und damit geht dann auch direkt das größte Problem des Films los, die Probleme gehen noch weiter. Zwar steht im Mittelpunkt des Films der Konflikt zwischen Abel und den neuen Nachbarn, aber auch zahlreiche andere Baustellen sind vorhanden: Lisa und Chris beginnen zu streiten, als es um das Thema Nachwuchs geht. Der Vater von Lisa kann Chris nicht leiden. Die Tochter von Abel pubertiert und verhält sich ihm gegenüber entsprechend. Abel schlägt seine Kinder, weil er seit dem Tod seiner Frau am Ende ist. Im Job bekommt Abel ebenfalls massiv Druck von der Dienstaufsicht, da er auch dort seinen Frust abbaut.
Viele Probleme? Oh ja, allerdings. Nun ist es nichts Ungewöhnliches, dass in einem Film viele Probleme vorkommen und alle Beteiligten verschiedengeartet kaputte Beziehungen zueinander haben, doch in “Lakeview Terrace” ist der Fokus einfach nicht klar genug.
Vor lauter Nebenschauplätzen wie etwa “Abel bei der Arbeit” oder “Lisa und Chris bei ihrem Vater” habe ich nicht einmal begonnen, wirklich Sympathie für die Opfer in der Hauptstory zu entwickeln. Ich bin auch gar nicht sicher, was der Film von mir will? Soll ich Abel besser verstehen, weil er es im Job auch nicht leicht hat und seine Frau tot ist? Oder soll mir da gezeigt werden, dass er auch in Uniform der große, böse Mann ist? Soll Chris in meiner Gunst fallen, weil er Lisas Familienwunsch nicht ernstnimmt? Oder soll er mir Leid tun, weil ihr Vater ihn ignoriert?
(Achtung, Spoiler!) Man könnte nun sicher sagen, dass es toll ist, wenn ich mir selbst überlegen kann, wie ich wen einschätze – aber im Endeffekt läuft es ja dann doch darauf hinaus, dass Abel nicht nur “der schlechtere Nachbar” sondern ein absoluter Psychopath ist. Wozu also all die Ausflüge im Mittelteil, die an diesem Resultat nie wirklich Zweifel aufkommen lassen? Sie sind zu kurz, um den Charakteren wirklich mehr Tiefe zu geben, aber zu lang, um nicht zu stören.
Der Film kann trotz dieser Schwäche ein wenig Spannung erzeugen, aber da wäre deutlich mehr möglich gewesen. Immerhin ist positiv zu bewerten, dass das Ende verhältnismäßig kurz gehalten ist und nicht in einen endlosen Kampf ausartet. (Spoiler vorbei.)
Für Jackson ist die Rolle natürlich ein Geschenk, wer ist bitte ein besserer “bad ass motherfucker” als Jules Winnfield er? Sein Alter Ego in diesem Streifen ist zwar sicherlich furchteinflößend, aber ihm fehlt das gewisse Etwas. Das Skript schafft es nicht, den Charakter wirklich nachvollziehbar werden zu lassen – klar, er leidet unter der Situation, ohne Frau seine aufmüpfigen Kinder erziehen zu müssen. Aber wie enorm schon allein das “ohne Frau” an ihm kratzt wird nicht etwa gezeigt, sondern nur gesagt. Ist eben so, und ich als Zuschauer muss mich damit abfinden und es schlucken. Das kann man machen, wenn es nur darum geht, mir beispielsweise den Schauplatz der Handlung (“Oh, sieh nur! Wir sind in der Matrix!” – Ah, ok, gut zu wissen, Danke.) zu verdeutlichen, aber die elementare Motivation des “Bösewichts” sollte, wenn man es schon so tragisch anlegt, besser vermittelt werden.
Außer ihm vermag eigentlich nur Lisas Darstellerin Kerry Washington 4 deutlich über B-Movie-Niveau zu bleiben, will sagen: Ohne Jackson hätte ich den Film vermutlich gar nicht erst angeschaut, außer ihm und Kerry wirkt das alles eher wie eine mittelprächtige Direct-to-DVD-Produktion. Es spricht Bände, dass in diesem Film tatsächlich einer der nicht unbedingt begnadetsten Schauspieler aus “Grey’s Anatomy” 5 eine Nebenrolle hat.
Handwerklich betrachtet ist der Film ordentlich gemacht, aber ohne den passenden Inhalt hilft das auch wenig. Bei Google Street View kann man übrigens witzigerweise einen Blick in die Straße des Drehorts werfen, mit Kamera-Kranwagen und Lichtreflektoren vom Set.
Zusammenfassend muss ich also sagen, dass ich mir doch deutlich mehr erhofft hatte. Mittlerweile sind es doch fünf bis zehn Jahre, seit Samuel L. Jackson gute Filme wie etwa “Changing Lanes” oder “S.W.A.T.” gemacht hat. Naja, ich bin sicher, dass er es als Nick Fury wieder rausreißen wird. ![]()
“Lakeview Terrace” kann man sich anschauen und wird annehmbar “unterhalten”, aber man verpasst auch nichts, wenn man ihn auslässt. (Ich würde ja schreiben: “Man kann getrost auf die Free-TV-Ausstrahlung warten”, aber Free-TV ist ja hier imm noch deutsch, und Synchronfassungen gehen bekanntlich gar nicht.
)
Irgendwie erinnert mich das Dilemma des Films an dieses klassische Obama-Phänomen: “Wow, Obama ist Präsident!” – “Ja, sehr gut! Und?” – “Na, er ist doch ein
Schwarzer!” Mir ist natürlich sehr wohl bewusst, dass diese Angelegenheit eine sehr bedeutsame ist, aber man sollte Obama, das Paradoxe an vorstehender Aussage mal ganz außer acht gelassen, doch nicht nur auf diesen Punkt reduzieren. Und genau daran krankt der Film: Er besteht gar nicht aus wesentlich viel mehr, er ist auf die Hautfarbe von Samuel L. Jackson beschränkt. Allerdings, und so ehrlich muss ich doch zu mir selbst sein: Ich habe keine Ahnung, ich hocke schließlich hier in Deutschland. Mag sein, dass über dem großen Teich eine völlig andere Wahrnehmung herrscht und dieser Film dort tatsächlich mehr Bedeutsamkeit innehat, als ich darin sehe.
Footnotes:
- Letzte Woche in die Sneak, am Dienstag in Aliens vs. Monsters, Ende des Monats wieder Sneak.. ich hätte wirklich gern eine bezahlbare (und/oder mit ordentlichen Konditionen versehene) Kino-Flatrate. ↩
- Übrigens: In “Lake View Terrace” spielte sich der wohl jedem bekannte Akt der Polizeibrutalität gegenüber Rodney King ab ↩
- Ich hoffe, jeder kann zwischen Ali G, Borat und Sacha Baron Cohen unterscheiden. ↩
- Ja, ich weiß, dass die Dame bei PP mitspielt. ↩
- Ich erinnere an eine Fußnote von letzter Woche.. ↩
- Letzte Woche in die Sneak, am Dienstag in Aliens vs. Monsters, Ende des Monats wieder Sneak.. ich hätte wirklich gern eine bezahlbare (und/oder mit ordentlichen Konditionen versehene) Kino-Flatrate. ↩


Ich fand den Streifen recht unterhaltsam. Das Ende war etwas “gewagt”, aber insgesamt hat er mich durchaus unterhalten – auch wenn ich deine Kritikpunkte so voll unterschreiben würde.
Das stimmt schon, ja. Ein “schlechter” Film mit Samuel L. Jackson ist eben immer noch unterhaltsamer als der übliche 08/15-Ausstoß.