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Irgendwie hab ich wohl verpasst, wie aus diesem gutaussehenden, jede Schwiegermutter glücklich machenden jungen Mann über die Jahre diese merkwürdige Marylin Manson-Kopie geworden ist. 1 Auch wenn ich ihre Musik seit “Infest” konsequent weiterverfolgt habe, ist der Wandel von “Papa Roach” mir nicht in dieser Intensität bewusst gewesen, wie seit Montag Abend. Mit wesentlich mehr Aufwand als noch vor meinem Umzug habe ich mich ins Backstage begeben, um mit knapp 1000 anderen Fans die Helden meiner Jugend zu feiern.
Die Ex-Nu-Metal-Truppe aus Kalifornien gehörte bis zum Release des letzten Albums zu den Bands, bei denen ich mir nicht sicher war, ob ich sie überhaupt einmal live zu Gesicht bekommen würde, da ich die vorherigen Touren stets verpasst habe. Insofern war trotz des insgesamt nur mittelprächtigen Albums der Auftritt natürlich ein Pflichttermin, und es hat sich gelohnt.

Bevor es losging, waren gleich zwei Vorgruppen zu ertragen, und das bei einem offiziellen Beginn um 20:00. Liebe Bands: so spät wie irgendwie möglich erst auf die Bühne zu kommen ist nichtmal ansatzweise cool, sondern einfach nur scheiße nervig. Wenn man schon zwei Vorgruppen hat, setzt man den Beginn bitte auf 19 Uhr, oder lässt die erste Vorgruppe nicht erst zum Beginn anfangen. Oder beides – alle Kominationen habe ich schon erlebt, alle wären geschickter gewesen als die hier gewählte Variante. Nachdem “In This Moment” sich durch ihr Programm gegurgelt 2 hatten, gab es für Filter eine Umbaupause, die ich selbst für den Hauptact in einer Halle dieser Größe zu lang gefunden hätte. Wenigstens war deren Musik erträglicher.

Danach wieder Wartezeit satt. Genügend Gelegenheiten, das Publikum zu mustern – eine seltsame Mischung, nicht meine Welt jedenfalls. Die eine Hälfte ordentlich abgefuckt, im totalen Emo-Look, die andere Hälfte absolut aufgestylte Tussis, aber Hauptsache noch irgendwo ein silbern glitzerndes Totenköpfchen hängen. “That’s punk rock of today.” 3 Aufgelockert wurde diese ungleiche Menge, die ich persönlich so auch eins zu eins auf einem “Tokio Hotel”-Konzert erwarten würde, durch verhältnismäßig viele ältere Besucher. Damit meine ich nicht Anfang bis Ende 30, sondern eher Ende 40 bis Mitte 50 – und zwar ohne Kinder, die waren wirklich alleine und wegen des Konzerts da. (Und interessanterweise waren die alle nicht geschminkt, weder emo schwarz noch tarty glitzern.)
Bevor das nun jemand zu ernst nimmt: bestimmt waren im Publikum auch noch einige Leute wie ich, verklemmte Spießer, die in ihrer Selbstgerechtigkeit nix Besseres zu tun haben, als fremde Menschen über einen Kamm zu scheren. Will sagen: so böse wie es klingt mein ich das alles gar nicht. Es ist großartig, dass “Papa Roach” so viele unterschiedliche Menschen in einem Raum versammeln kann, um gemeinsam mit ihnen allen Spaß zu haben.

Gegen 22:00 Uhr war es dann auch endlich so weit, die Lichter gingen aus, das Publikum johlte. Zunächst betrat der Drummer, Tony Palermo, die Bühne und bezog seine Position. Sehr schade, dass der ursprüngliche Schlagzeuger, David Buckner, nicht mehr in der Band ist, er war ein enorm sympathischer Zeitgenosse. Nachdem auch die beiden Saitenzupfer in Stellung waren und die Menge immer frenetischer klatschend den Startschuss einforderte, rannte Frontmann Jacoby Shaddix heraus, sprang auf einen der Lautsprecher in der Mitte der Stage und stimmte den Opener “Change or Die” an.

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Bis zur ersten kurzen Pause um zehn nach elf preschte die Band mit einer enormen Energie und Geschwindigkeit durch die Setlist. Dann gab es noch drei Zugaben und mit “Last Resort” wurde die Party nach rund 90 Minuten geballter Power auch schon wieder beendet. Besonders amüsant war Jacobys Einlage während des Songs “Lifeline” – auf einmal war er von der Bühne verschwunden, überall suchende Gesichter in der Halle. Plötzlich guckten alle in meine Richtung, also drehte ich mich um. Direkt hinter mir war die Bar und auf selbige war er spontan geklettert, um die zweite Hälfte des Songs zum Besten zu geben und mit den Lampen herumzuspielen, sichtlich zur Beunruhigung des armen Barpersonals. ;)

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Die größte Enttäuschung war für mich persönlich, dass “Blood Brothers” nicht gespielt wurde – ein Song, ohne den meiner Ansicht nach ein “Papa Roach”-Konzert nicht komplett ist. Aber gut, ich finde zum Beispiel auch, dass die Ärzte die ollen Kamellen wie “Zu Spät” endlich aus dem Programm werfen sollten, um stattdessen immer 90% von der Bullenstaat zu spielen.
Es ist schade, dass für mich in den späteren Alben immer weniger Tracks interessant waren. “Infest” bleibt einfach eine Platte für die Ewigkeit. Die geradezu brachiale Gewalt, die etwa im trotzdem enorm eingängigen “Dead Cell” steckt, ist zeitlos elektrisierend.

Glücklicherweise war besagtes Brett und auch sonst einige “Klassiker” zu hören. In der Tat habe ich außerdem an diesem Abend ein bislang sehr selten verspürtes Gefühl gehabt: der Aspekt von “Helden der Jugend feiern” kam stärker zum Tragen, als die kitschige Phrase es vermuten lassen würde. Ob das auch dadurch begünstigt wurde, dass sich die Band doch sehr weit von dem Bild, welches ich als Teenager mit Begeisterung aufnahm, entfernt hat, weiß ich nicht genau, könnte es mir aber gut vorstellen.

Die Entwicklung der Band und vor allem auch von Coby Dick finde ich durchaus spannend: theoretisch möchte man meinen, dass eine Band, die zuvor jahrelang schon relativ erfolgreich im Indy-Bereich unterwegs war und dann einen derartigen Durchbruch wie mit dem Dreifach-Platin-Album Infest verzeichnen kann, ihren Stil schon mehr oder weniger gefunden hat. Offenbar hat für Papa Roach aber erst der große Erfolg als Katalysator dienen müssen. Oder natürlich das Management hat durch Bedarfsanalyse herausgefunden, dass eine Neuausrichtung höheren Erfolg verspricht. Aber wie könnte ich diese Variante ernsthaft in Betracht ziehen, wenn ich am Montag selbst ordentlich mitgepogt habe? Na eben.. :P

Hier noch die vollständige Setlist:

  • Change or Die
  • Broken Home
  • … to be Loved
  • Getting Away with Murder
  • The World Around You
  • Forever
  • Lifeline
  • Crash
  • Hollywood Whore
  • Had Enough
  • Time is Running Out
  • She Loves me Not
  • Alive (N’ Out Of Control)
  • Dead Cell
  • Between Angels and Insects
  • Scars
  • I Almost Told You That I Loved You
  • Last Resort

Footnotes:
  1. Wer nicht glaubt, dass alle vier Bilder ein und dieselbe Person zeigen: Kann ich vestehen. Einfach mal die Tattoos vergleichen und staunen. ;)
  2. Sorry, die Sängerin sah wirklich gut aus, aber: Growlen ist sowas von nicht sexy.
  3. Wer weiß, von wem dieses Zitat stammt? Ich verlose.. erm.. einen Song bei iTunes. Oder so. Kann man bei iTunes Gutscheine für einen einzigen Song kaufen? :-?
  4. Wer nicht glaubt, dass alle vier Bilder ein und dieselbe Person zeigen: Kann ich vestehen. Einfach mal die Tattoos vergleichen und staunen. ;)